Lyrik & Prosa-LogoAlfred-Müller-Felsenburg-Preis-Verleihung 2017


Am 10.September 2017 wurde der "Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2017"
beim Festival "hier!" im Rahmen des Projekts "literaturland westfalen" an

 Der Preisträger, Foto: hwg (hf0917) Der Preisträger, Foto: Birgitta Nicolas (hf0917)

SAID

vergeben!
 

 Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises Foto: hwg (hf0917)
Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises: (v.l.n.r.): Michael Fallenstein (Sohn von Alfred Müller-Felsenburg), Landrat Michael Makiolla,
Heiner Remmert (Projektleiter Westf. Literaturbüro),
SAID (Preisträger 2017),
Thorsten Trelenberg (Leiter des Sekretariats für den AMF-Preis), Oliver Kaczmarek, (MdB), Roland Löffler, (Laudator),

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Thorsten Trelenberg, SAID, Roland Löffler in der Stadtkirche Unna, Foto: hwg (hf0917) Nicolaihaus in Unna, Foto: (c) Kreisstadt Unna (hf1112) Norbert Labatzki sorgt für den musikalischen Rahmen, Foto: Birgitta Nicolas (hf0917) Thorsten Trelenberg eröffnet die Preisverleihung, Foto: Rudolf Damm (hf0917) Publikum, Foto: Birgitta Niclas (hf0917) Heiner Remmert begrüßt die Gäste, Foto: hwg (hf0917) ichael Makiola und Heiner Remmert, Foto: hwg (hf0917) Oliver Kaczmarek und Michael Fallenstein, Foto: hwg (hf0917) Michael Fallenstein spricht über seinen Vater, Foto: Birgitta Nicolas (hf10917) Michael Fallenstein, SAID, Roland Löffler, Oliver Kaczmarek, Michael Makiola, Foto: hwg (hf1116) MdB Oliver Kaczmarek, Foto: lyrikwelt.de (hf0917) Landrat Michael Makiola, Foto: hwg (hf0917) Dr. Roland Löffler hält die Laudatio, Foto: hwg (hf0917) Aufmerksame Zuhörer, Foto: hwg (hf0917) SAID erhält von Thorsten Trelenberg (Mitte) und Heiner Remmert die Auszeichnung, Foto: Birgitta Niclas (hf0917) Oliver Kaczmarek und Michael Fallenstein, Foto: Birgitta Niclas (hf0917) vlnr: Michael Fallenstein, Michael Makiola, Heiner Remmert, SAID, Thorsten Trelenberg, Roland Löffler, Oliver Kaczmarek, Foto: hwg (hf0917) Die Urkunde für den AMF-Preis, Foto: hwg (hf0917) Der Preisträger mit Heiner Remmert (links) und Thorsten Trelenberg (rechts), Foto: Birgitta Nicolas (hf0917) Publikum, Foto: hwg (hf0917) Birgitta Niclas und Thorsten Trelenberg, Foto: hwg (hf0917) Der Preisträger, Foto: Birgitta Nicolas (hf0917) Büchertische, Foto: hwg (hf0917) Der Preisträger, Foto: hwg (hf0917) Abschied, Foto: hwg (hf0917)Michael Fallenstein mit SAID, Foto: hwg (hf0917)

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         Die Fotos machten Birgitta Nicolas, Rudolf Damm und hwg.
Wir bedanken uns dafür.

Mehr auch unter Blickwinkel Schwerte
und Hellweger Anzeiger!

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Alfred Müller-Felsenburg, 1999
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Michael Fallenstein spricht über seinen Vater, Foto: Birgitta Nicolas (hf10917)

Grußwort von
Michael Fallenstein, Sohn von Alfred Müller-Felsenburg,
anlässlich der AMF-Preisverleihung 2017 an SAID

Sehr geehrte Anwesende, diese Ansprache hilft mir über mein mir etwas peinliches Unwissen hinweg, wie ich Sie als diesjährigen Preisträger richtig anspreche – ich würde sonst natürlich ja „Herr Said“ sagen, weiß aber nicht, ob das angesichts Ihrer literarischen Visitenkarte – laut der Sie ja ohne irgendwelchen Konnex nur SAID sind - übergriffig ist? Wie auch immer, Sie werden mir nicht böse sein!

Es gab unter uns Grußwortlern eine knappe Emailkommunikation, wer von uns denn über was sprechen wolle, um Redundanzen zu vermeiden. Ich bin heute mal als letzter dran, was gut ist, da ich nun prima entscheiden kann, was ich weglasse oder womit ich Sie als Zuhörende vor der anschließenden Laudatio gerne noch etwas quälen darf.

Ich beginne mein Grußwort auch in diesem Jahr mit dem Hinweis darauf, dass ich (auch namens meiner Schwestern) hier nur „grußworte“ und die Urkunde mit unterschreibe, aber nicht über die Preisträgerinnen und Preisträger mit entscheide. Das obliegt allein der Jury und ist gleichermaßen entlastend wie spannend für mich: Nicht immer, aber doch oft sucht die Jury Preisträger aus, denen ich in meinem Lebenskontext weder faktisch, noch virtuell oder literarisch zu begegnen die Chance oder die Ehre hatte.

Bezogen auf Sie, (Herr) Said, war das dieses Jahr der Fall. Natürlich habe ich mich umgehend nach der Juryentscheidung medial informiert (ich möchte nicht immer vom Googeln sprechen), und war besonders neugierig auf den Gottesdienst von eben.

Was sich bei mir sehr schnell eingestellt und im Gottesdienst seine Bestätigung gefunden hat, war einerseits eine sehr anrührende Vertrautheit mit meiner eigenen Lebensgeschichte, deren Brüchen– und natürlich der unseres Vaters – und eigentlich nicht mehr nötigen Bestätigung, dass die Jury wieder einmal einen Preisträger ausgesucht hat, der nicht nur hervorragend zur mit dem Preis verknüpften Intention unseres Vaters und ganz besonders in den Rahmen des tollen westfälischen Literaturfestes mit allen seinen Highlights passt.

Die Intensität und intellektuelle Tiefe Ihrer Psalmgebete, die Fragen und Spannung, die sie aufwerfen, der Auseinandersetzung, der Sie damit Raum geben, und beiläufig dabei schleimigen religiösen Fundamentalismus jeglicher Couleur demaskieren – ich bin nachhaltig beeindruckt – chapeau.

Was freut mich noch, dass Sie der diesjährige Preisträger sind?

Ich bin ja nun selbst stolzer Großvater eines ebenfalls schon frühestmöglich sehr an adäquater Literatur interessiertem, zweijährigem Knirps – Stolz insofern, als der junge Mann zum Neid aller anderen Familienangehörigen (Ha!) ausschließlich mich dazu auserkoren hat, der geeignetste Büchermitangucker und Vorleser zu sein. Eine tolle Rolle, auf die ich mich lange gefreut und intensiv vorbereitet habe: Ich kann mich pädagogisch völlig unkorrekt und verwöhnend gerieren – wenn er unbequem wird, ihn einfach wieder bei unserer Tochter abliefern – herrlich! Es irritiert mich zwar schon, dass er in diesem Alter trotz einer Vielfalt pädagogischer Alternativangebote fast besser ein Handy oder Tablet bedienen kann, als meine Frau – aber das ist wohl die neue Zeit…

So habe ich mich also heute besonders auf das gefreut, was ich gehofft habe, ihm bald von Ihnen vorlesen zu können. Nun habe ich aber eben zu meinem großen Leidwesen erfahren, dass alle Ihre Kinderbücher vergriffen seien. Nur Herr Trelenberg hat wohl noch was – Ich muss sehen, mit welchen adäquaten Mitteln ich ihn werde erpressen können.

Als wir vorhin noch miteinander informell geplaudert haben, erzählten Sie – der Sie als schon lange hier lebender Iraner immer noch schnell zu frösteln scheinen – davon, wie Sie vor längerer Zeit in der kalten Hagener Marienkirche relativ dick eingemummt neben dem Pfarrer saßen, dem ein dünnes T-Shirt reichte. Auf Ihre Frage hin, warum er nicht auch friere, antwortete er, dass das wohl daran läge, dass er eine größere Nähe zum lieben Gott habe als Sie… Ich bin sicher, Sie hätten sich toll mit unserem Vater verstanden. Einer seiner Lieblingswitze, die er ständig zu Besten gab, war: „Alle Menschen haben einen Vogel, nur die Angehörigen der geistlichen Berufe neigen fälschlicher Weise oft zur Überzeugung, ihrer sei der Hl. Geist!“

In den Vorjahren habe ich zum Abschluss meines Grußwortes den Preisträgerinnen und Preisträgern immer gerne etwas von den Werken unseres Vaters überreicht. Nun besitze ich nur noch – zum Unwillen meiner Frau in drei riesig großen Plastik-Ikea-Kisten verstaut - eine Komplettausgabe der Werke unseres Vater und noch ein paar Akten und so – konnte da also nichts mehr von hergeben. Alles andere liegt gut verwahrt im Westfälischen Literaturarchiv in Münster.

Als nun aber letztes Wochenende unser Sohn aus unserem Haus ausgezogen ist, habe ich in dem ganzen natürlich damit verbundenen Chaos im Keller überraschender Weise noch eine kleine Kiste gefunden mit dem letzten Werk unseres Vaters, nämlich (bereits schwerkrank) seinen Gedanken zur „Abenddämmerung“.

Ein Exemplar davon möchte ich Ihnen mit einem herzlichen Glückauf und Dank für Ihr literarisches Wirken überreichen, das den AMF-Preis nicht nur verdient hat, sondern im Gegenteil - den Preis und uns alle hier eigentlich selbst ehrt!

Jetzt bin ich gespannt auf die Laudatio…

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MdB Oliver Kaczmarek spricht ein Grußwort, Foto: hwg (hf0917)
Grußwort von
Oliver Kaczmarek,
MdB für den Kreis Unna
 

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Said,

ich freue mich sehr, bei der diesjährigen Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte Literatur ein Grußwort sprechen zu dürfen. Ich bin stolz darauf, dass dieser Preis hier in meiner Heimat vergeben wird, denn dieser Preis ist etwas Besonderes.

Es geht natürlich um herausragende Literatur, doch dieser Preis nimmt mehr in den Blick: Das Wirken der gesamten Person, Ihre Biographie und Ihr Engagement. Der Alfred-Müller-Felsenburg Preis ist eine Wertschätzung an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die vielleicht nicht jeden Tag auf Seite 1 der deutschen Feuilleton Nachrichten stehen, aber dennoch eine unschätzbare gesellschaftliche Arbeit leisten. Die, wie der Name des Preises schon sagt, sich auszeichnen durch Charakterfestigkeit, Integrität und Aufrichtigkeit.

Deswegen an dieser Stelle mein Dank an den Juryvorsitzenden Thorsten Trelenberg, Michael Fallenstein, dessen Vater diesen Preis ins Leben gerufen hat, Heiner Remmert vom Westfälischen Literaturbüro Unna und  Dr. Roland Löffler, dem Geschäftsführer der Westfalen Initiative.

Ehren wollen wir heute einen Schriftsteller, der in seinen Gedichten und Texten nicht nur einen behutsamen und fast schon liebevollen Umgang mit der Sprache aufzeigt, sondern der sich auch um eine bessere und gerechtere Welt bemüht.

Herr Said, danke, dass Sie heute hier sind, um diesen Preis persönlich in Empfang zu nehmen. Sie sind ein herausragender Dichter, der mit seiner Arbeit und seinem Engagement besonders in diesem Tagen hoch aktuell ist. Ich denke da an Länder wie Russland und die Türkei, wo die Meinungs- und Pressefreiheit faktisch nicht mehr existiert und Menschen auf Grund ihrer persönlichen Haltung ins Gefängnis gehen müssen.

Sie, Herr Said mussten wegen Ihrer Überzeugungen Ihre Heimat Iran gleich zweimal verlassen. Zuerst unter der Regentschaft des persischen Schahs und dann als sie unter der Herrschaft der Mullahs Ihre geliebte Heimat nicht wieder erkannten. Es leben immer noch mehr als 5 Millionen Iraner im Exil: Schriftsteller, Künstler, Journalisten und Intellektuelle, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Ihre Biographien sind geprägt von politischer Repression, Folter und öffentlicher Diffamierung.

Sie sprechen in Ihren Werken über Ihre Hoffnungen und Ihre Arbeit, über Heimat und Fremde und über Ihren ununterbrochen, auf Teheran gerichteten Blick, der "häßlichsten Hauptstadt der Welt", wie Sie sie in einem Interview mal bezeichnet haben. Aber auch für Sie gebe es keinen Tag, an dem sie nicht in Gedanken durch Teheran wandern würden.

Ich selbst lebe und arbeite in meiner Heimatstadt und kann mir nur schwer vorstellen wie es ist,  wenn ich gezwungen wäre, diese zu verlassen.

Sie, sehr verehrter Said, haben sich aber nie zurückgelehnt und aufgegeben. Sie waren Präsident des Pen-Zentrums Deutschlands und haben auch zahlreiche Auszeichnungen wie die Goethe-Medaille und das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Wir sind heute hier, um Ihre Arbeit und Sie ganz persönlich wertzuschätzen. Danke für Ihr literarisches Werk und Danke für Ihr Engagement.

Ich verstehe diesen Preis auch als Appell an uns alle hier Anwesenden. Wir alle sind aufgerufen uns zu engagieren. Aufrecht für eine bessere und gerechtere Gesellschaft einzutreten.                           

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Landrat Michael Makiola spricht ein Grusswort, Foto: hwg (hf0917)Grußwort von
Michael Makiola,
Landrat für den Kreis Unna

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Trelenburg,
und vor allem: sehr geehrter SAID,

nachdem ich im vergangenen Jahr verhindert war, freue ich mich sehr, dass ich es in diesem Jahr wieder einrichten konnte, an der Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg Preises für aufrechte Literatur teilzunehmen.

Mit diesem Preis wird einmal jährlich eine Schriftstellerpersönlichkeit ausgezeichnet, die nach dem Urteil der Jury den Kriterien der "aufrechten Literatur" entspricht:

Dieser Begriff impliziere Zivilcourage und „die Aufrichtigkeit eines Literaten“, er spiegele den „aufrechten Gang“, also das charakterlich ungebrochene Rückgrat eines Menschen wider.

Warum könnte die Jury zu dem Entschluss gekommen sein, dass in diesem Jahr Sie, SAID, mit diesem Preis zu ehren sind?

Die Gründe der Jury kenne ich noch nicht.

Ich kann Ihnen aber sagen, warum ich der Meinung bin, dass Sie diesen Preis verdient haben!

Sie wurden 1947 in Teheran geboren und sind 1965 als Student der Politikwissenschaften nach München gekommen.

Nach dem Sturz des Schahs 1979 kehrten Sie kurzzeitig in den Iran zurück.

Die dort errichtete Theokratie der Mullahs trieb Sie aber zurück ins deutsche Exil.

Mittlerweile besitzen Sie die deutsche Staatsangehörigkeit.

Sie schreiben Lyrik und Prosa, sind Mitglied im PEN und waren von 2000 bis 2002 Präsident des PEN Zentrums Deutschland.

Als Schriftsteller haben Sie nie die Auseinandersetzung mit politischen und kulturellen Konflikten gescheut.

Vielmehr setzen Sie sich seit Jahren für politisch Verfolget ein.

Für Ihr politisch-demokratisches Engagement, das eine tragende Rolle in Ihren literarischen Werken spielt werden Sie heute nicht zum ersten Mal geehrt.

Sie wurden bereits mit der Goethe-Medaille und dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Wir alle haben in der jüngsten Vergangenheit verfolgen können, dass Presse – und Meinungsfreiheit nicht selbstverständlich ist.

Wo Medien nicht über Unrecht, Machtmissbrauch oder Korruption berichten können, findet auch keine öffentliche Kontrolle statt, keine freie Meinungsbildung und kein friedlicher Ausgleich von Interessen.

Dort, wo nicht unabhängig berichtet werden darf und wo Menschen ihre Meinung nicht frei äußern können, werden auch andere Menschenrechte verletzt.

Daher ist die Freiheit zu informieren und informiert zu werden stets auch ein zuverlässiger Gradmesser für die Achtung der universell gültigen Menschenrechte in einem Land.

Freie Medien sind aber auch ein scharfes Instrument der gesellschaftlichen Eigenkontrolle – das planvoll zerstört werden kann.

So wie gegenwärtig in manchen jener Länder, mit denen auch Deutschland enge Beziehungen pflegt.

Wir können beobachten wie Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen getreten wird.

Journalisten und andere Freidenkende werden mit den absurdesten Begründungen inhaftiert oder leben im Exil.

Medienfeindliche Rhetorik führender Politiker, restriktive Gesetze und politische Einflussnahme in Demokratien haben zu einer Verschlechterung der Lage für Journalisten und Medien weltweit beigetragen.

Umso wichtiger ist es, dass Menschen, die diese Zustände schon immer nicht akzeptiert haben, immer lauter werden.

Und wegen all dieser Gründe denke ich, ist es genau der richtige Zeitpunkt, dass genau Sie, SAID heute mit dem Alfred-Müller-Felsenburg-Preis geehrt werden.

Im Namen des Kreises Unna gratuliere ich Ihnen dazu herzlich!

Für die Zukunft wünsche ich Ihnen und eigentlich uns allen eine noch lautere Stimme!

Glück auf!.
                           

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Roland Löffler zeigt die Titelseite der Frankfurt Rundschau, Foto: Birgitta Niclas (hf0917)LAUDATIO von Roland Löffler
auf SAID aus Anlaß der Verleihung des Alfred Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte Literatur
am 10.09.2017 im Westfälischen Literaturbüro in Unna.

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber SAID,

1970 schrieb der evangelische Theologe und einer der Väter des deutschen Linksprotestantismus, Helmut Gollwitzer, ein Buch mit dem Titel „Krummes Holz- aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens.“ Krummes Holz - aufrechter Gang das ist eine anthropologische Grundbestimmung, die auf Bilder zweier bedeutender Philosophen basiert. Krummes Holz – das ist ein Zitat Immanuel Kants, der über den gerechten Herrscher in einer kompliziert Welt sinniert und dann ernüchtert feststellt: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ – Ein realistisches Bild, aber wenig erquickend, noch dazu wenige Tage vor der Bundestagswahl.

„Aufrechter Gang“ – das ist Ernst Blochs Bild für des Menschen noch nicht erreichte, erst noch zu gewinnende Bestimmung. „Wie kommt krummes Holz zum aufrechten Gang?“, fragt Gollwitzer – mit einem wie schiefen Bild. Und die Antwort könnte meines Erachtens lauten: Der aufrechte Gang ist möglich durch den Willen zur Haltung und zu Handlungen, die aus dieser Haltung erwachsen. Unzweifelhaft ist dies eine Lebensaufgabe – und wir Menschen bleiben immer auf der Suche nach der richtigen Haltung, nach dem richtigen Maß, nach der richtigen Orientierung für ein solches aufrechtes Leben. Entscheidend ist die Blickrichtung – nach oben! Das wusste bereits die Antike, für die der in sich verkrümmte Mensch der Inbegriff des Sünders war, weil er nur auf sich selbst schaute und nicht mehr zu den Göttern aufsehen konnte.

Orientierung kann die Religion, Gott oder eine Philosophie bieten, die Dichtung oder ein Dichter, die Liebe oder zumindest der Kampf gegen Einsamkeit, Heimat oder das Einfinden in der Fremde, das Kampf um Gerechtigkeit und der Widerstand gegen Intoleranz, Unrecht, Entwürdigung, Unfreiheit. Und bei allem Kampf für das Wahre, Schöne und Gute - manches im Leben wird am Ende doch krumm bleiben.

Und damit sind wir bei den Themen unseres heutigen Preisträgers SAID, dessen Literatur um Liebe, Einsamkeit, Exil, den Iran und die Religionen kreist. Auch für SAID ist beispielsweise das Ringen mit oder die Suche nach Gott zu einem Lebensthema geworden. Und wer Gott sucht, überhaupt, wer ein Suchender ist, muss zwangsläufig den Blick erheben, andernfalls stolpert er über seine eigenen Füße. In einem Interview mit der Zeitschrift CHRISMON sagt SAID: „Ich habe eine Krawatte, ein Buch, eine Uhr, aber nein, einen Gott habe ich nicht. Einen Gott kann man nicht haben, einen Gott kann man nur suchen.“ Nun hat es Vor- und Nachteile auf letzte Wahrheiten zu verzichten. Sicher ist jedoch, dass eine metaphysische Diätik zur Toleranz führt, die Freiheit des Andersdenkenden respektiert und den Dialog der Religionen und Kulturen pflegt. Damit verbunden ist der Protest gegen alle Formen der Unterdrückungen, gegen selbsternannten Gottesherrscher und Gotteskrieger. Wer gegen sie protestiert, weiß unseren Preisträger auf seiner Seite.

Ein Beispiel: Ich erinnere mich noch gut an Donnerstag, den 25. Juni 2009. Ich ging morgens aus der Wohnung, um Brötchen und eine Zeitung zu kaufen. Da prangte in großen Lettern auf dem Titel der „Frankfurter Rundschau“ ein Gedicht von SAID. Mir ist kein zweiter Fall bekannt, dass die komplette Titelseite einer Zeitung aus einem Gedicht besteht.

Es war die Zeit, als alle Welt auf einen Umbruch, ja auf eine Revolution im Iran hoffte. Präsident Ahmadinedschad war Anfang Juni 2009 mit weit über 60% der Stimmen wiedergewählt worden. Die Opposition warf ihm Wahlbetrug vor. Daraufhin gingen über Wochen Hunderttausende Menschen auf die Straßen. Die Regierung reagierte mit Härte, es gab Tote und Verletzte – am Ende wurde die kleine Revolte im Kern erstickt, die Unzufriedenheit aber blieb. In dieser Phase zwischen Hoffnung und „schmerzlichen Ahnung, dass in Teheran wieder die Jugend protestiert, damit hinterher 'Reformpolitiker' davon profitieren“, so die redaktionelle Unterzeile der Frankfurter Rundschau, schrieb SAID dieses Gedicht:

die staatslärmungen hier
dort das wachende wort
hinter jedem strauch
ein gott
und auch er murrt
zikaden schließen die augen
und vergessen uns
nichts in ihrem lied verrät
dass sie bald sterben

SAID war damals 62 Jahre alt und hatte mehr als 40 Jahre in Deutschland verbracht. Er kam 1965 als Student in Deutschland an, stürzte sich begierig in die Lektüre der deutschen Literatur, engagierte sich in der exiliranischen Studentenbewegung, wurde deren Generalsekretär, kämpfte gegen den Schah und für die Menschenrechte, die Presse- und Meinungsfreiheit. In Persien galt er damit als Kommunist. Er wäre bei einer Wiedereinreise verhaftet worden. Wenn wir an die deutsche Studentenrevolte von 1968 denken, dann sei kurz daran erinnert, welche wichtige Rolle in diesem Kontext der Protest gegen den Schah spielte – und SAID war mittendrin.

Jede der drei bis vier exiliranischen Einwanderungswellen nach Deutschland hatte ihre Vorbilder, Vorkämpfer und Helden – und SAID war ein Star dieser ersten Einwanderungswelle. 1979 ging er, wie so viele Schah-Gegner durchaus optimistisch in seine Heimat zurück und hoffte, dass die islamische Revolution eine bessere Gesellschaftsordnung hervorbringen würde. Doch es hielt ihn nur wenige Wochen im Reiche der Mullahs, dann brach er seine Zelte ab und kehrte nach Deutschland, nach München zurück. Er schrieb dazu: „Die Machthaber wechseln, der Terror bleibt.“

Seither lebt er im „Niemandsland“, in der Fremde – und schreibt. Alle ein, zwei, drei Jahre erscheint ein neuer Band, zumeist Lyrik, aber auch Essays, Hörspiele, Kinderbücher oder collageartige Sammelbände. Er war zwei Jahre – als erster Ausländer und erster Iraner – Präsident des deutschen PEN-Clubs, dessen Writers-in-Exile-Programm er maßgeblich mitgestaltet hat. Er setzte sich für politisch Verfolgte ein und für unterdrückte Schriftsteller – und erhielt dafür zurecht zahlreiche Auszeichnungen.

Die Emigration, sein Exil in Deutschland, Fremdheit und der Protest gegen Gewaltherrschaft und Unterdrückung der Menschenrechte – im Iran, aber auch anderswo - sind wiederkehrende Themen im Werk unseres Preisträgers. Seine Beobachtungen werden in seiner Lyrik zum exemplum für das Schicksal vieler Menschen, zu verdichteter Welterfahrung schlechthin, oder um es mit dem Literaturkritiker Michael Hameter zu sagen: zu Weltliteratur. Schon im Titel seines frühen Buches „Wo ich sterbe, ist meine Fremde“ kommt die Ambivalenz seines Daseins und seines Schreibens zum Ausdruck: Die Sehnsucht nach der alten, aber versperrten Heimat Iran. Seine neue Heimat ist die deutsche Sprache, in der er vielmehr ist ein „ungebetener Gast“, wie er in einem Interview einmal sagte. Mittlerweile ist er Teil der deutschen Sprache und einer ihrer maßgeblichsten Vertreter. Doch: Heimat ist Heimat – und Fremde bleibt Fremde, übrigens ein Begriff, den SAID mehr schätzt als den technisch-politischen Terminus Exil. Das Schicksal des Fremden beschreibt SAID so:

Brief eines Emigranten:
Ich krieche mühsam hierher,
setze mich geräuschvoll hin,
strecke meine Gefühle von mir,
nehme viel Platz ein -
und werde nicht benötigt

Wir könnten den Titel „Wo ich sterbe, ist meine Fremde“ aber auch noch in einen anderen Kontext setzen. Als Thomas Mann 1938 ins amerikanische Exil ging, gab er der New York Times ein großes Interview. Darin sagte er: „Wo ich bin, ist Deutschland“. SAID setzt meines Erachtens mit seinem Buch einen Gegenakzent, er ist in gewisser Hinsicht eine Art Anti-Thomas-Mann: Er sagte nicht, wo ich bin, ist Persien. Er sagte: „Wo ich sterbe, ist meine Fremde“. Das ist quasi die doppelte Negation des Lübeckers. SAID zielt auf das Sterben und auf die Fremde. Er beschreibt einen Rückzug in einen unbehausten Ort oder eine unbehauste Existenz. Zugleich geht SAID in seinem Leben und Schreiben weit über Thomas Mann hinaus. Während der norddeutsche Nobelpreisträger es niemals fertigbrachte, in der englischen Sprache an die literarische Qualität seines deutschen Oeuvres heranzukommen, ist aus SAID ein Meister der deutschen Sprache geworden.

Die hohe literarische Qualität, jahrzehntelanger Einsatz für die Menschenrechte, seine Kritik des Terrors und politischer Ungerechtigkeit machen SAID zu einem würdigen Preisträger des Alfred Müller-Felsenburg Preises für aufrechte Literatur. Ich gratuliere Ihnen von Herzen, lieber SAID. Sie sind ein Vorbild: für einen aufrichtigen Menschen und für einen aufrechten Schriftsteller.

Zum Schluss noch ein Gedanke: Helmut Gollwitzer fragt im Untertitel seines Buches „Krummes Holz- aufrechter Gang“ nach dem Sinn des Lebens. Wenn wir das Lebenswerk unseres Preisträgers, aber auch unsere eigenen ambivalenten, oftmals gar nicht abschließend zu deutenden eigenen Lebenserfahrungen vergegenwärtigen, so frage ich mich, ob die Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt eine sinnvolle Frage ist. Müssen wir den Geschicken des Lebens wirklich eine übergeordnete Bedeutung geben? Würde es nicht vollkommen ausreichen, nach Glück, nach einem geglückten Leben zu streben, versuchen, ein Glücklicher zu werden? In persischer Übersetzung heißt der Glückliche übrigens SAID. Ein SAID zu werden, das könnte ein gutes Ziel eines aufrichtigen, aufrechten Lebens sein.

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